Cédric (Name geändert) erlebt oft ein quälendes Hin und Her: Einerseits möchte er für sich sein und zu sich zurückkommen. Andererseits spürt er einen grossen inneren Druck sich mit einem Freund
zu verabreden. Mit der Zeit erkennt er, was dahintersteckt: die Angst, dass Freunde ihn verlassen könnten, wenn er sich nicht ständig um die Beziehung bemüht.
In der Therapie zeigt sich, dass diese Angst weit zurückreicht. Als Kind hatte er das Gefühl, er müsse sich ständig um seine Mutter kümmern und sie „bei Laune halten“, damit die Verbindung zu ihr bestehen bleibt.
Um das dritte Lebensjahr entwickelt ein Kind etwas, das Margaret Mahler (1975) emotionale Objektkonstanz nennt. Gemeint ist: Das Kind kann die Bezugsperson innerlich „bei sich behalten“, auch wenn sie gerade nicht da ist. Es trägt ein verlässliches inneres Bild in sich – und kann Trennungen dadurch besser aushalten. Gleichzeitig wird es möglich, unterschiedliche Seiten derselben Person zusammenzudenken: die liebevolle und die wütende, die „gute“ und die „böse“ Mutter (im Märchen Rapunzel etwa Frau Gothel) werden zu einem inneren Gesamtbild.
Wenn diese Entwicklung jedoch durch wiederholte Enttäuschungen, Unberechenbarkeit oder emotionale Abwesenheit der Bezugsperson gestört wird, kann ein tiefes Misstrauen zurückbleiben: die Sorge, dass die Mutter – oder später ein Freund – nur dann „da bleibt“, wenn man sich ständig anstrengt und um die Beziehung kämpft.